Sonntag, 2. Oktober 2011

Der mittelmässige Schlagzeuger mit der Glaskugel

oder:

wie Don Henley die "Tea-Party" schon im Jahre 1977 angriff

Ja Servus,

seit Jahrzehnten sind viele von uns Fans der legendären "Eagles", und wir outen uns hiermit als musikalische Weichspüler. Hach, diese Melodien sind doch immer wieder schön, vor allem das Reunion-Konzert auf DVD aus dem Jahre 1994. Die produzieren da live auf der Bühne einen Sound, wie man ihn sonst nur von Studio-Aufnahmen kennt - wer kann das schon. Naja: der Drang zum Perfektionismus und die daraus entstehenden Reibereien waren ja auch einige der Gründe, weshalb sie sich Anfang der 80er Jahre getrennt hatten.


Seltenheitswert: alle aktuellen und ehemaligen Mitglieder auf einem Bild
v. l.: Bernie Leadon, Joe Walsh, Don Henley, Timothy B. Schmit, Don Felder, Glenn Frey, Randy Meisner
Es fehlt lediglich der aktuelle Gitarrensupport Steuart Smith, der aber kein Bandmitglied ist


Der grösste Hit war natürlich "Hotel California", auch wenn dessen kryptischen Text bis heute keiner so richtig versteht. Texter und Sänger Don Henley faßte ihn vor kurzem kurz und knackig zusammen: "A journey from innocence to experience. That's it." Und machte damit den jahrzehntelang irrlichternden Spekulationen über versteckte Botschaften, Satanismus und was auch immer ein Ende. 

Musikalisch allerdings stammte Dieser Geniestreich von Don Felder, dem inzwischen gefeuerten Gitarristen der Band.

Don Felder mit seiner legendären Gibson EDS-1275 Doubleneck

Die oft diktatorisch agierenden Köpfe (und Gründer) der Eagles, Schlagzeuger Don Henley und Gitarrist Glenn Frey, sind nämlich überwiegend als Texter aktiv. Für die Kompositionen holten sie sich oft Verstärkung bei Joe Walsh, Don Felder, Jackson Browne oder JD Souther. Henley und Frey gelten auch an ihren Instrumenten als eher mittelmässig. Textlich und stimmlich jedoch sind die beiden zusammen Weltklasse. 

Don Henley (l.,), Glenn Frey

Henley und Frey warfen schliesslich Felder, der als einer der besten Rock-Gitarristen der Welt gilt und selbst Rockgrössen wie Tom Petty ("Tom Petty & the Heartbreakers") Unterricht gab, vor einigen Jahren aus der Band. Die Gründe sind offiziell nicht bekannt. Gerüchteweise soll es um viel Geld und Macht gegangen sein.

In der Eagles-Dokumentation, die vor kurzem auf den Markt kam, und in der alle (!) ungewöhnlich offen (!!) zu Wort kamen, sagte Henley sinngemäß, Felder habe mehr und mehr Leadgesänge übernehmen wollen. Er aber halte das für lächerlich: Leadgesang durch Felder bei "Victim of Love" sei in etwa so, als wenn er, Henley, das Gitarrensolo bei "Hotel California" spielen wolle.
Dennoch: Der sonst von den Eagles - Fans abgöttisch verehrte Henley musste sich wegen des Felder-Rauswurfs auch von den glühendsten Verehrern Kritik anhören, und entpuppte sich in Sachen Geld als unersättlich und rechtes menschliches A....

Viele Fans kritisieren auch, dass Henley und Frey Felders Ersatzmann, Steuart Smith, nicht als vollwertiges Bandmitglied aufnehmen. Obwohl Smith Felder nun schon seit fast 10 Jahren ersetzt, ebenfalls als einer der besten Gitarristen der Welt gilt, und den vielbeachteten und wunderschönen Hotel-California-Nachfolge-Song "Waiting in the weeds" komponierte. Der 2009 fast einen Grammy als "Bester Song" abgeräumt hätte...und das, obwohl er als Single nicht einmal ausgekoppelt war. Kommt auch eher selten vor, dass ein nicht ausgekoppelter Song überhaupt nominiert wird.

Joe Walsh (l.,), und Steuart Smith

Schon früher hatte das "All-American-Image" der Band gelitten: In Henleys Haus wurde in den 80ern eine zugekokste nackte 16jährige aufgefunden, Henley kassierte dafür eine Vorstrafe. Er hatte bis zu seiner Eheschliessung 1995 einen hohen Frauenverschleiss, und die vielen wechselvollen Affären, u. a.  mit der Schauspielerin Dana Delany ("Body of Proof", "Desperate Housewives") und der Sängerin Stevie Nicks ("Fleetwood Mac"), lieferten oft Inspirationen für Songtexte. 
Und Glenn Frey wird nachgesagt, er habe sich seine Nase mit Teflon ausgiessen lassen...anderenfalls habe er seine inwischen überstandene Kokainsucht wohl kaum überleben können. In der Eagles-Doku (s. o.) stehen alle auch ziemlich offen zu den wilden Zeiten der Band.

Henley galt aber andererseits auch als Spürnase für Talente: er beschäftigte schon spätere Superstars wie Axl Rose und Sheryl Crow als Backgroundsänger und Duettpartner, als beide noch völlig unbekannt waren. 

Diese ganzen oft hässlichen Geschichten ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass vor allem Henley als einer der begabtesten Texter und Rock-Poeten gilt, und zum Besten zählt, was seit Bob Dylan und Leonhard Cohen jemals Songtexte schrieb. Oft bringt er komplexeste Dinge und Gefühlslagen mit wenigen Worten auf den Punkt: "Waiting in the weeds", "New York Minute", "Everything is different now" oder der Anti-BILD-Zeitungs-Song "Dirty Laundry" sind nur wenige herausragende Beispiele.
Und für das textlich ebenso brillante wie brisante "The End of the Innocence", den Abgesang auf den amerikanischen Traum, räumte Henley Ende der 80er Jahre sogar Solo-Grammies ab. Bruce Hornsby, der dazu die Melodie geschrieben hatte, sagte später oft in Interviews, er hätte den Song gern selbst gesungen.

Plattencover "The End of the Innocence", Don Henley, 1988

Der alles überstrahlende Erfolg von "Hotel California" aber liess den Song "The Last Resort" vom gleichen Album ein wenig verblassen. In dem Song nimmt Henley als massgeblicher Texter eine Entwicklung vorweg, die in den USA heute stärker denn je durchschlägt. Mitten im grössten Erfolg veröffentlichten die Eagles damals einen sehr kritischen und zeitlosen, weil noch immer hochaktuellen Song, der sie selbst und ihre Karriere hätte sehr beschädigen können.
Vielleicht war man damals ja noch toleranter...es sei daran erinnert, welche öffentliche Prügel die "Dixie Chicks" 2003 für ihre Kritik an George W. Bush einstecken mussten: ihre CD's wurden von Bulldozern überfahren, und ihre Songs wurden im Radio eine Zeitlang glatt boykottiert.

Die aktuelle Besetzung:
v. l. Timothy B. Schmit (bass, lv, bv), Joe Walsh (lg, rg, org, lv, bv), 
Glenn Frey, (bg, rg, lv, bv, pi), Don Henley (dr, rg, perc)

Im MTV-unplugged-Konzert 1994 sagt Henley "The Last Resort" an mit den Worten: "You've heard, how the west was won. This is a song about how the west was lost."
Henley kritisiert darin, dass die Amerikaner mit ihrem Drang, neue Welten zu entdecken, nach und nach die vorhandenen "Paradiese" zerstören ("Some people came and raped the land..."). Und stellt fest, dass es nun ja keine neuen Paradiese mehr zu entdecken gibt ("...there are no more new frontiers, we have got to make it here...").
Also flüchtet man sich nun in das Paradies, dass in der Bibel verheissen wird. Aber: wer weiss schon, wie es "da oben" ist? Und: was werden die Menschen aus diesem Paradies machen? Werden sie es genauso zerstören, wie die Paradiese hier auf Erden?

Und dann kommt der Angriff auf die damals noch gar nicht existenten Neo-Cons, die ebenfalls noch ungeplante "Tea-Party-Bewegung" und die Evangelikalen:
"...We satisfy our endless needs
 and justify our bloody deeds
 in the name of destiny
 and in the name of God.
 And you can see them there
 on Sunday morning.
 They stand up and sing about
 what it's like up there.
 They call it 'paradise'
 I don't know why.
 If they call some place 'paradise'
 ...kiss it goodbye!"
"The last resort"- The Eagles, 1977 (!).
Grossartig.

So long

Der Falke