Mittwoch, 20. Juni 2012

Kontra Produktiv

Warum nicht alle "Nazis" Nazis sind

Ja Servus,

wo immer es möglich ist, prangern wir an, wenn in unseren Augen die Verbrechen des 3. Reiches relativiert werden. Offenbar scheint hier die Sensibilität reziprokproportional zum zeitlichen Abstand zum Jahr 1945 abzunehmen.

Wir machen das fest am zunehmenden Gebrauch von Begriffen wie "Bombenholocaust" in der Sprache der Ewig-Gestrigen für die Bombardierung deutscher Städte wie Dresden oder Hamburg, "Babycaust" in der Verwendung militanter Abtreibungsgegner, "RotGrün-Faschist" in der Sprache von Linksallergikern oder auch "Islam-Nazi" bei fanatischen Muslimenhassern.

Um etwas klarzustellen: auch wir verurteilen ganz klar
- die völkerrechtswidrige Bombardierung von Städten, um gezielt die Zivilbevölkerung zu treffen (und nicht nur deutscher Städte, es sei beispielhaft Coventry erwähnt),
- ein Abgleiten in wahlloses Abtreiben als Ersatz für Verhütung,
- politischen Extremismus von links wie zB Stalinismus (übrigens auch von rechts)
- sich in Gewalt gegen sich und andere äussernden religiös begründeten oder verbrämten Fundamentalismus.

Aber:
eine Gleichsetzung mit dem Nazismus des 3. Reiches verbietet sich in allen Fällen! Punktum. Der Holocaust und die Verbrechen des 3. Reiches sind singulär. Und bleiben es hoffentlich: es wird wohl niemand wirklich wollen, dass diese Art Verbrechen jemals wiederholt werden. Oder sogar übertroffen. Jede Art Gleichsetzung verbietet sich daher, weil das eine Verharmlosung der Verbrechen des 3. Reiches darstellt.

Deswegen sei hier mal klargestellt, dass heutige Neu-Rechte, Islamophobe, Rassisten, Ausländerfeinde, "Reichsdeppen" oder sonstige Rechtsextreme, gleich welcher Ausprägung, KEINE "Nazis" sind. Sie sind Neo-Nazis, Rechtsextreme, "Nationale Sozialisten", Menschenfeinde, Nationalisten, Ausländerhasser, Rassisten, Holocaustleugner, Hitler-Verehrer...aber keine NAZIS.

Das sind nur diejenigen, die die Verbrechen des 3. Reiches begangen haben, und von denen die wenigsten noch leben. Die heutigen "Neo-Nazis" begehen diese Verbrechen NICHT (vielleicht NOCH nicht, aber eben NICHT!). Die heutigen "Neo-Nazis" also mit den Nazis des 3. Reiches gleichzusetzen, verbietet sich, weil es die Verbrechen des 3. Reiches verharmlos. Und damit den gleichen ungerechtfertigten Vergleich darstellt, wie die Worte "Babycaust" oder "Bombencaust".

Daher sind weder der verwirrte PI-Autor kewil, noch die Mitglieder der heutigen NPD, Holocaustleugner wie Horst Mahler und Ernst Zündel, "Freie Kameradschaften" oder auch rechtsextreme Hooligans "Nazis". Was ihre Taten bzw. Schriften nicht weniger widerlich macht als sie sind. Sie sind vielleicht "Nazi-Versteher", oder "Nazi-Relativierer", "Nazi-Wegbereiter" oder "Nazi-Verehrer". Aber keine "Nazis".

Klaus Barbie war ein Nazi. Hermann Göring und Heinrich Himmler waren Nazis. Reinhard Heydrich war ein Nazi.
Erich Priebke IST ein Nazi*. Seine Verehrer wie der endlich inhaftierte Axel Möller jedoch sind keine "Nazis", bei allem, was er auch jemals Widerliches geschrieben hat. Uns ist auch nicht bekannt, dass Diplom-Leserbriefschrieber und Blog-ins-Ausland-Verkäufer Stefan Herre oder der unsägliche Rassist und Judenfeind Udo Pastörs jemals Taten begangen hätten, die auch nur irgendwie an die Gräueltaten des 3. Reiches herankommen.

Liebe Antifa, und liebe aufrechte demokratische Warner vor rechten Tendenzen in der deutschen Gesellschaft:
der ständige Gebrauch des Begriffs "Nazi" für alles und jeden aus dem rechten und extrem rechten Spektrum geht uns gewaltig auf das Gefieder. Die Beliebigkeit in der Verwendung nutzt den Begriff ab, und macht ihn damit immer weniger prägnant.

Nennt weiter rechtsextreme Demokratie- und Menschenfeinde beim Namen. Aber nennt nicht jeden Dahergelaufenen gleich "Nazi". Das verharmlost die Verbrechen der wirklichen Nazis. Und das ist wohl kaum in unser aller Interesse.

So long

Der Falke




* edit 28.11.2013: Erich Priebke ist am 11.10.2013 verstorben.